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Abisag Tüllmann (1935–1996). Bildreportagen und Theaterfotografie

24.11.2010-27.3.2011

Das Historische Museum Frankfurt stellte anlässlich des 75. Geburtstags von Abisag Tüllmanns erstmals posthum das vielschichtige Werk einer der bedeutendsten Fotokünstlerinnen Deutschlands vor. Neben dem umfangreichen, bildjournalistisch-künstlerischen Werk steht ein mehr als 200 Bühnenaufführungen umfassendes theaterfotografisches Œuvre – beide führten die Ausstellung und das Katalogbuch erstmals zusammen.

Die Ausstellung stieß mit über 18.000 Besucherinnen und Besuchern auf großes Publikumsinteresse und regte zum mehrmaligen Kommen an. Dabei wurde neben der Qualität der Fotografien und ihrem zeitgeschichtlichen Kontext auch das Ausstellungskonzept positiv wahrgenommen. „Zum 2. Mal gesehen und jetzt erkannt: natürlich wunderbare Fotos, aber auch ausgesprochen gut gehängt und zusammengestellt”, schrieb ein Besucher in das Gästebuch. Bereits am Tag der Eröffnung wurde die Präsentation in einem Bericht der Tagesschau vorgestellt. Eine durchweg positive und umfangreiche Berichterstattung in den Print- und Online-Medien folgte.

Die Ausstellung war vom 17. Juni bis 18. September 2011 im Museum für Fotografie der Staatlichen Museen zu Berlin zu sehen.
Das Ausstellungsprojekt
Grundlage des Projekts war eine erste wissenschaftliche Sichtung und Auswertung des Nachlasses im Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin (50.000 Positive, 260.000 Negative, 10.000 Dias, Archivalien) und im Deutschen Theatermuseum München (17.000 Positive, 350.000 Negative, 17.000 Dias). Neben umfangreichen Recherchen in weiteren öffentlichen und privaten Archiven wurde Tüllmanns Arbeitsweise durch Interviews mit Assistent/innen, Auftraggeber/innen, Künstlerfreund/innen und Wegbegleiter/innen nachvollzogen.

Aus vierzig Jahren freier bildjournalistischer Arbeit zeigte die Präsentation in sechs großen, thematisch geordneten Raumeinheiten neben einer Auswahl von über 385 schwarz-weißen Vintage-Prints und drei Farbprojektionen auch zahlreiche Beispiele für die umfangreiche Veröffentlichungspraxis in Zeitungen, Zeitschriften und Büchern.
 
Als grandioser Auftakt zu Abisag Tüllmanns vielseitigem Bildschaffen waren die Originalaufnahmen für das 1963 veröffentlichte Fotobuch „Großstadt” zu sehen – eine Hommage an ihre Wahlheimat Frankfurt am Main. Fotografien von den Ereignissen und Akteuren der 68er-Bewegung wie Daniel Cohn-Bendit und Joschka Fischer, von der Künstler- und Theaterszene im In- und Ausland mit Bilder von Joseph Beuys und Bernhard Minetti, aber auch von Politikern und Wirtschaftsführern machen Abisag Tüllmann zu einer Chronistin der Zeitgeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dies gilt auch für ihre Auslandsreportagen über die postkolonialen Entwicklungen in Algerien, Rhodesien / Simbabwe, Südafrika und über den Israel-Palästina Konflikt.
 
Tüllmanns zweiter Arbeitsschwerpunkt lag in der Theaterfotografie. Wichtige Sprech- und Musiktheaterbühnen waren ihre Auftraggeberinnen im In- und Ausland. Erste Aufnahmen, die im Rahmen der Recherche in einer privaten Sammlung gefunden wurden, entstanden bereits Anfang der 1960er-Jahre in Frankfurt. Die fast dreißig Jahre währende künstlerische Zusammenarbeit mit Claus Peymann, dessen Inszenierungen sie fotografisch begleitete, stellte einen Höhepunkt der Ausstellung dar.
 
Seit 1958 prägten Abisag Tüllmanns Fotografien in Zeitungen, Magazinen und Büchern das kollektive Bildgedächtnis der deutschen und internationalen Öffentlichkeit. Als Bildjournalistin und Theaterfotografin richtete sie ihren Blick auf die politischen, gesellschaftlichen und künstlerischen Umbrüche ihrer Zeit. Mit hintergründigem Humor beobachtete sie den Alltag und die Bedingungen menschlichen Zusammenlebens in der Welt. Themen wie Ausgrenzung, Unbehaustheit und die Verletzbarkeit menschlicher Existenz standen immer im Zentrum ihres engagierten fotografischen Handelns. Diese wichtigen, die Arbeit Tüllmanns prägenden Aspekte wurden im Ausstellungskonzept besonders berücksichtigt.
 
Die Schau entstand in Kooperation mit dem Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin, dem Deutschen Theatermuseum, München und der Abisag Tüllmann Stiftung, Frankfurt, die den überwiegend unveröffentlichten fotografischen und schriftlichen Nachlass bewahren.
 
Das Begleitbuch
Das Begleitbuch bietet auf 304 Seiten und mit 298 SW- und Farbabbildungen einen fundierten Einblick in das vielfältige Werk Abisag Tüllmanns. Die sechs thematischen Aufsätze von Martha Caspers, Monika Haas, Barbara Lauterbach, Kristina Lowis, Katharina Sykora und die von Ulrike May zusammengestellte Biografie basieren auf bisher unbekannten schriftlichen Quellen, auf privaten Fotografien und zahlreichen Gesprächen mit Zeitzeugen. Mit dem im Hatje Cantz Verlag erschienenen und hervorragend gedruckten Katalogbuch wurde Pionierarbeit geleistet. In der Fachzeitschrift PHOTO International bestätigte Hans-Michael Koetzle: „Bis auf den schmalen Katalog von 1995 gab es zu Abisag Tüllmann bis dato keine einzige Monographie [...] Vor diesem Hintergrund ist die vorliegende Publikation nicht weniger als die überhaupt erste historisch-kritische Arbeit über eine Künstlerin, die mit Sicherheit zu den wichtigsten Repräsentanten bundesdeutscher Fotografie zu rechnen ist” (Ausgabe 02/2011, S.22f).
 
Das Begleitprogramm
Besonderer Höhepunkt des Begleitprogramms war die ganztägige Veranstaltung „Zwischen Stillstand und Bewegung – Abisag Tüllmanns Arbeiten für den Film” am 30. Januar 2011 im Mal Seh'n Kino. In drei großen Sequenzen wurden die Filme „Von der Schönheit des Alltäglichen. Die Fotografin Abisag Tüllmann”, Deutschland 1996 von Carola Benninghoven, „Tue recht und scheue niemand – Das Leben der Gerda Siepenbrink”, BRD 1975, von Jutta Brückner, „Die allseitig reduzierte Persönlichkeit – Redupers”, BRD 1977, von Helke Sander und „Die Reise nach Lyon, BRD 1978–80, von Claudia von Alemann gezeigt. Die anwesenden Regisseurinnen berichteten in den fast durchgängig ausverkauften Vorführungen anschaulich über ihre Zusammenarbeit mit Abisag Tüllmann und deren oft nicht unwesentlichen Anteile an den Filmprojekten. Die Veranstaltung und der Katalogbeitrag von Monika Haas kristallisierten das bislang gänzlich unbekannte oder unberücksichtigte Interesse der Fotografin am Film deutlich heraus.
 
Am 2. März 2011 stellte Katharina Sykora, Professorin an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, in ihrem Vortrag „Schauplatz Großstadt. Abisag Tüllmanns Frankfurtansichten” das Fotobuch „Großstadt” ausführlich vor. Sie konnte durch den Vergleich mit zeitgleichen Publikationen, wie „Das Münchener Jahr” (1957) von Elisabeth Niggemeyer und „Wolfsburg – Bilder einer jungen Stadt” (1963) von Heinrich Heidersberger, die herausragende fotografische und gestalterische Modernität des Frankfurter Bildbandes eindeutig belegen.
 
Die Finissage am 27. März wurde ein krönender Abschluss der letzten Präsentation im „Neubau” von 1972 vor dessen Abriss. Die geladenen Gäste, Prof. Jean Christophe Ammann, ehemaliger Direktor des Museums für Moderne Kunst, die Bürgermeisterin Jutta Ebeling und der Cellist Frank Wolff, stellten den zahlreichen Besucherinnen und Besuchern auf anschauliche Weise ihre Lieblingsfotografien Tüllmanns in Kurzführungen vor.
 
Was folgt und was bleibt?
Die Ausstellung wurde vom 17. Juni bis zum 18. September 2011 im Museum für Fotografie, Sammlung Fotografie der Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin gezeigt. Eine dritte Folgestation ist in Planung.
 
Im Rahmen der Projektforschung wurde umfangreiches neues Quellenmaterial recherchiert. Diese schriftlichen Aufzeichnungen, Briefe und Fotografien werden von der Abisag Tüllmann Stiftung, Frankfurt, an das Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin zur Vervollständigung des dort befindlichen Nachlasses übergeben und damit für zukünftige Forschung zugänglich gemacht. Das historische museum frankfurt selbst erhielt für die eigene Sammlung von der Abisag Tüllmann Stiftung und aus Privatbesitz Fotografien und Plakate mit Frankfurtbezug geschenkt.
 
Kuratorinnen
Martha Caspers M.A. (Projektleitung)
Dr. Kristina Lowis, Barbara Lauterbach M.A., Ulrike May M.A.
 
Gestaltung
exposition GbR, Frankfurt / M. – Martin Krämer und Sabine Gutjahr
 
Förderer und Kooperationspartner
Abisag Tüllmann Stiftung, Frankfurt / M.
Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin 
Deutsches Theatermuseum, München 
Dr. Marschner Stiftung, Frankfurt / M.
Evonik Industries AG, Frankfurt / M.
Hessische Kulturstiftung, Wiesbaden 
Kulturamt Stadt Frankfurt / M.
Richard Stury Stiftung, München
Wüstenrot Stiftung, Ludwigsburg
 
Partner Begleitprogramm
Mal Seh'n Kino 
Römer 9, Evangelische Stadtakademie
Zentralbibliothek Stadtbücherei Frankfurt am Main
 
Begleitbuch
Abisag Tüllmann 1936-1996. Bildreportagen und Theaterfotografie, 304 Seiten, 298 SW- und Farbabbildungen mit Texten von Martha Caspers, Monika Haas, Barbara Lauterbach, Kristina Lowis, Ulrike May, Katharina Sykora, hrsg. von Martha Caspers, erschienen als Bd. 30 der Schriften des historischen museums frankfurt, hrsg. von Jan Gerchow, Hatje Cantz Verlag, ISBN 978-3-7757-2708-2, Preis 29,80 €

Wenn (nicht nur) Architekten träumen dürfen... Neue Projektideen für Frankfurt

9.9.2010-3.10.2010

In der Ausstellung „Wenn Architekten träumen dürfen. Neue Projektideen für Frankfurt” wurden im Historischen Museum Frankfurt elf Visionen Frankfurter Architekten gezeigt, die unabhängig von wirtschaftlichen, planungsrechtlichen und politischen Vorgaben ihr Traumprojekt frei entwarfen. Das HMF animierte seine Besucher, gemeinsam mit den Architekten zu träumen und ihre Vorstellungen von einem anderen Frankfurt zu skizzieren. Ein Resümee.

Die Rhein-Main-Zeitung, der Regionalteil der F.A.Z., hatte elf renommierte Frankfurter Architekturbüros gebeten, jeweils einen Entwurf zu fertigen, der auf Budgets, Gesetze, Eigentumsverhältnisse und auch auf die öffentliche Meinung keine Rücksicht nehmen muss. Kein Platz galt in dieser Versuchsanordnung als unbebaubar, kein Bestandsgebäude als unantastbar. Es ging nicht um ein konkretes Programm für Frankfurt, die Ausstellung sollte zeigen, was denkbar ist.
Wenn Besucher träumen dürfen
„Ich träume von einer Stadt, in der alles in Bewegung ist und doch in sich ruht.” Was eine Besucherin der Ausstellung poetisch ausdrückte, formulierten andere Besucher mit konkreten Gestaltungswünschen für die Stadt. Eine City-Maut für eine fahrradfreundlichere Innenstadt, ein speakers corner und ein walk of fame für Frankfurt, Lavendel und Rosen für den Goetheplatz, eine drogenfreie Konstablerwache, das zweitgrößte Hochhaus der Welt, Badeinseln im Main, ein Viktualienmarkt für Frankfurt, hängende Gärten oder Dachterrassen auf den Hochhäusern – diese „Träume” sind nur wenige Beispiele für die über 100 Beiträge, die die Besucherinnen und Besucher im Rahmen der einmonatigen Ausstellung eingebracht haben.


 
Trotz der Vielschichtigkeit der skizzierten Träume lässt sich ein Meinungsbild in den Beiträgen ablesen: Die Stadt soll ein grüner Lebensraum sein. Mehrmalige Nennungen, wie eine autofreie Innenstadt, Untertunnelungen für den Auto-Verkehr, der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, die Wiederbelebung des Mainufers, die Schaffung von mehr Parks, Grünflächen und Plätzen mit Aufenthaltsqualität zeugen davon. Es ist wohl auch dieser Gemeinsinn, der sich in den Besucherfavoriten der Frankfurter Architekturentwürfe zeigt:
 
Als eindeutigen Favorit erkoren die Besucherinnen und Besucher den Entwurf von Stefan Forster, der am Beispiel der Elbestraße im Bahnhofsviertel zeigt, wie eine verkehrsberuhigte und durch Vorgärten begrünte Stadt aussehen kann. Zweiter Besucherliebling ist das Konzept des Architektentrios Ferdinand Heide, Thomas Meurer und Ingo Schrader, die eine Stärkung der Wallanlage als öffentliche Grünfläche und eine Verdichtung der sie umgebenden Bebauung vorsehen. Den dritten Platz teilen sich drei Visionen: Das Strandbad am „Nizza” von Albert Dietz und Anett-Maud Joppien, der Sommerpavillon am Mainufer in der Höhe der Weseler Werft von der Bürogemeinschaft Scheffler/Menges und die Gestaltung der B-Ebenen, Parkhäuser und U-Bahn-Stationen von Till Schneider und Michael Schumacher.
 
Das rege Besucherinteresse daran, eigene Vorstellungen von einem anderen Frankfurt einzubringen und die hohe und diskussionsfreudige Teilnahme an den beiden Podiumsveranstaltungen am 15. September und 1. Oktober zeigten, dass eine qualifizierte Debatte darüber angeregt wurde, was möglich und was nötig ist. Eine Auswertung der Besucherbeiträge hat das historische museum dem Stadtplanungsamt zugesandt.
 

Fremde im Visier. Fotoalben aus dem Zweiten Weltkrieg

15.4.2010-29.8.2010

Genau 21.507 Besucherinnen und Besucher lockte die Ausstellung „Fremde im Visier. Fotoalben aus dem Zweiten Weltkrieg” ins Frankfurter Historische Museum. Ein gut besuchtes Rahmen-
programm sowie gleich zwei, mit internationalen Einträgen gefüllte Gästebücher runden diese Rekordzahl ab. Das Besondere an der Ausstellung: Sie präsentiert eine private Bildgeschichte des Zweiten Weltkriegs. Dass dies einen anderen Zugang zur NS-Geschichte ermöglicht, brachte eine Antwerpenerin, die jetzt im Taunus wohnt, im Besucherbuch auf den Punkt: „Sehr beeindruckend! Die Bilder und Kommentare gehen mir mehr unter die Haut als offizielle Reportagen – Danke!”

Das Ausstellungsthema

Siebzig Jahre nach Kriegsbeginn verhandeln die nachfolgenden Generationen intensiver denn je die Nachlässe und Erinnerungen aus dem Zweiten Weltkrieg. Wie geht man mit den oft verheimlichten Fotoarchiven, aufbewahrt in Schränken und Schubladen, in den Familien um? Die Ausstellung „Fremde im Visier – Fotoalben aus dem Zweiten Weltkrieg” bietet Lesarten und Sichtweisen für ein tieferes Verständnis dieser Bildarchive. „Die Fotografien in der Ausstellung zeigen die Blicke der deutschen Soldaten auf fremde Menschen, Landschaften und Kulturdenkmale in den besetzten Ländern”, sagt Dr. Petra Bopp, Kunsthistorikerin und Kuratorin. „Wir haben sowohl die Motive und die Bildästhetik der Fotos untersucht als auch den Einfluss der Kriegspropaganda auf die Privat- und Amateurfotografie.”
  
Im Jahr 1939 besaßen rund zehn Prozent aller Deutschen einen eigenen Fotoapparat. Der Aufforderung des Propagandaministeriums, „die Kamera auch im Krieg nicht ruhen zu lassen”, folgten viele Soldaten bereitwillig. Neben den Feldpostbriefen sollten auch die Knipserfotos der Soldaten den Zusammenhalt zwischen Front und Heimat stärken. Die Familien bewahrten die Bilder der Abwesenden sorgfältig im heimatlichen Wohnzimmer auf. Anordnung und Kommentierung verweisen auf die subjektiven Konstruktionen von Kriegserinnerungen. Sie machen deutlich, wie der Krieg gesehen wurde, nicht, wie er war. Viele Konvolute folgen dem historischen Kriegsverlauf: Überfall auf Polen 1939, „Blitzkrieg” an der Westfront 1940 und Vernichtungskrieg im Osten ab 1941. Deutlich weniger fotografiert wurde auf dem Rückzug 1943 bis 1945. Von der Kriegsgefangenschaft sind nur wenige Fotos aus englischen Lagern in Nordafrika und aus sowjetischen Lagern überliefert.


Zu Beginn fotografierten die Soldaten Kameraderie und militärischen Alltag in der Kaserne und präsentierten stolz die erste Uniform auf professionellen Atelierportraits. In den besetzten Ländern und an der Front richtete sich die Kamera nicht nur auf die Zerstörungen der Wehrmacht, sondern auch auf die flüchtende Zivilbevölkerung und die Kriegsgefangenen. Viele Fotos wiederholten den touristischen Blick, zugleich war die Sichtweise auf das Fremde auch durch die rassistische NS-Bildpropaganda geprägt. So zeigen die fotografierenden Soldaten zwar keine authentischeren Bilder der Front, aber doch eine differenziertere Perspektive als die der „Bildberichter” im Dienst der Propagandakompanien, deren Bilder die offizielle Sicht auf den Krieg dominierten. Die Soldaten tauschten intensiv ihre Fotos untereinander, so dass die Alben verschiedene Wahrnehmungen des Krieges widerspiegeln. Hinter den zunächst harmlos wirkenden Knipserfotos scheinen Unsicherheit und Angst, aber auch Gewalt und Zerstörung durch Kampfhandlungen auf. Die Individualität der Kriegserzählungen und der persönlichen Schicksale wird häufig auf den letzten Albenseiten deutlich. Tod, Verwundung oder Gefangennahme lassen die Bilder abrupt versiegen, es bleiben leere Seiten. Das Gruppenbild mit der Familie symbolisiert die Heimkehr, Fotos von Kameradschaftstreffen führen das Kriegsalbum bis in die 1950er Jahre fort.

Frankfurts demokratische Moderne und Leopold Sonnemann. Jude – Verleger – Politiker – Mäzen

29.10.2009-28.2.2010

Die Alte Oper, der Palmengarten, der Frankfurter Hof oder das Einheitsdenkmal auf dem Paulsplatz: Orte in Frankfurt, die jeder kennt. Kaum bekannt ist: Es gäbe sie nicht ohne Leopold Sonnemann.

Man kennt ihn allenfalls als Gründer der Frankfurter Zeitung. Dabei kämpfte er zeitlebens für eine demokratische Moderne. Demokratisierung und Modernisierung waren für ihn untrennbar miteinander verbunden. Die Gründung seiner Zeitung war dafür beispielhaft, ebenso wie die von ihm initiierte Internationale Elektrotechnische Ausstellung 1891 in Frankfurt.
 
Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg und die Zerstörung Frankfurts bewirkten aber einen Überlieferungsbruch. Der Demokrat und Mentor Leopold Sonnemann geriet in Vergessenheit. Sein Einsatz als Verleger, demokratischer Politiker und Mäzen prägte Frankfurts Entwicklung zur modernen Großstadt jedoch maßgeblich. In Kooperation mit dem Jüdischen Museum zeigte das historische museum erstmals das Wirken Leopold Sonnemanns in all seiner Vielfalt. Gleichzeitig eröffnete sich den Besuchern ein lebendiges Panorama Frankfurts im 19. Jahrhundert auf dem Weg zur europäischen Metropole.
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung stellte fest: „Wenn die Frankfurter jetzt ihren Sonnemann nicht ins Gedächtnis zurückholen, ist ihnen nicht zu helfen.”
 
Ermöglicht durch
Frankfurter Societät
 
Medienpartner
Frankfurter Neue Presse
Förderer
Ernst Max von Grunelius-Stiftung
Georg und Franziska Speyer'sche Hochschulstiftung
Stiftung Polytechnische Gesellschaft
Europäische Zentralbank

Peter Struwwel – Heinrich Hoffmann. Ein Frankfurter Leben 1809–1894

13.6.2009-21.9.2009

Zu seinem 200. Geburtstag den anderen, den unbekannten Heinrich Hoffmann in Erinnerung zu rufen, war das Anliegen der zentralen Ausstellung zum Heinrich Hoffmann-Sommer 2009 in Frankfurt. Oder, um es mit den Worten eines Besuchers zu sagen: „Endlich ist die Stadt auf die Idee gekommen, den ganzen Heinrich Hoffmann zu würdigen.” Im Mittelpunkt der Schau stand denn auch Hoffmanns vielfältiges Engagement für die Bürgergesellschaft Frankfurts vor dem Hintergrund des langen Lebensweges von der Kindheit während der Befreiungskriege gegen Napoleon über die Revolution von 1848 bis zum Deutschen Kaiserreich unter Wilhelm I.

Nur hier war das selten gezeigte Urmanuskript des bekanntesten deutschen Kinderbuches zu sehen. Aber nicht nur das: Vielmehr präsentierte die Ausstellung das facettenreiche Lebenswerk Hoffmanns, der als Leichenhausaufseher, Geburtshelfer, Armenarzt und Direktor des „Irrenhauses” in seiner Vaterstadt tätig war. Als Gründer und Mitglied zahlreicher politischer und literarischer Vereine und Stiftungen hatte er zudem am gesellschaftlichen Leben seiner Vaterstadt einen bedeutenden Anteil. Die Ausstellung veranschaulichte Hoffmanns faszinierenden Lebensweg und bot dabei ein Panorama des Frankfurter Bürgertums vom Vormärz bis zum Kaiserreich. Ein Pfad mit Kinderstationen sowie ein pädagogisches Begleitprogramm machten die Ausstellung für Kinder und Erwachsene gleichermaßen zu einem spannenden Erlebnis.

DER AUFBAU DER AUSSTELLUNG

Die Ausstellung teilte sich in sechs Abschnitte, von denen vier überwiegend biografisch orientiert waren (Kindheit in Frankfurt 1809–1828; Medizinstudium 1828–1834; Arzt in Frankfurt 1834–1851; „Irrenanstalt” am Affenstein 1851–1888) und zwei Abschnitte sich übergreifenden Themen widmeten (Politik; Kunst – Literatur – Kinderbücher).
 

KINDHEIT IN FRANKFURT 1809–1828

Heinrich Hoffmann wurde in eine bewegte Zeit hineingeboren. Die Napoleonischen Kriege und die nachfolgende Neuordnung Europas ließen auch Frankfurt nicht unverschont. Das Aufwachsen in dieser Zeit, in der Freiheitsstreben und Sehnsucht nach nationaler Einheit mit der Restauration der politischen Verhältnisse aufeinander prallten, prägte Hoffmanns späteres politisches Denken.
Hoffmanns Familie setzte sich aus zwei sehr unterschiedlichen Zweigen zusammen: Der Vater hatte einen sozialen Aufstieg aus dem bescheidenen Handwerkermilieu zum Architekten und städtischen Wege- und Brückenbaumeister geschafft. Die Mutter hingegen stammte aus einer wohlhabenden Weinhändlerfamilie. Hoffmanns Großvater Johann Heinrich Gerhard Lausberg besaß eine beeindruckende Gemäldesammlung: ein Highlight des Ausstellungskapitels war das Gemälde „Paulus und Barnabas werden in Lystra als Götter verehrt” von Adriaen van Stalbemt aus der Sammlung von Hoffmanns Großvater. Die Ausstellung zeigte das politische und soziale Umfeld, in dem Heinrich Hoffmann aufwuchs, und das ihn Zeit seines Lebens prägen sollte. Daneben wurde aber auch der Alltag des Schülers Heinrich Hoffmann beleuchtet: Ein originales Schulzeugnis Hoffmanns verrät, dass er – wohl aufgrund seiner ausgeprägten Fantasie und Kreativität – keine ganz leichte Schulzeit hatte.

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 MEDIZINSTUDIUM IN HEIDELBERG, HALLE UND PARIS (1829–1834)

Im Jahr 1829 traf Heinrich Hoffmann auf Anraten seines Vaters eine folgenschwere Entscheidung: er ging nach Heidelberg, um hier das Medizinstudium aufzunehmen. Es folgte die Promotion in Halle und schließlich ein praktisches Jahr in Paris – damals das Zentrum der medizinischen Forschung. In seiner Studienzeit lernte Hoffmann nicht nur die führenden Mediziner und ihre Diagnose- und Heilmethoden kennen – medizinische Lehrmittel der Zeit wurden in der Ausstellung gezeigt –, sondern nahm auch intensiv am studentischen Leben teil. Zahlreiche Objekte der Studentenkultur des Vormärz führten die Lebenswelt der damaligen Studenten vor Augen. Während dieser ganzen Zeit hielt Hoffmann durch einen regen Briefverkehr den Kontakt zu seiner Familie nach Frankfurt aufrecht. Davon waren einige Briefe und Zeichnungen in der Ausstellung zu sehen.
 

ARZT IN FRANKFURT (1834–1851)

„DEN SACHSENHÄUSER BÜRGERSLEUT' / VERKAUFT ER JETZT UNSTERBLICHKEIT”
In Frankfurt erhielt Hoffmann nach seiner Rückkehr die Stelle als Leichenhausaufseher am Sachsenhäuser Friedhof. Leichenhäuser sollten verhindern, dass Scheintote lebendig begraben werden. Zugleich engagierte sich Hoffmann in einer neu errichteten Armenklinik, für die er auch regelmäßige Konsultationen in Bornheim abhielt. In Sachsenhausen betrieb er eine Privatpraxis und war als Geburtshelfer aktiv. Das Praxisschild des Arztes Hoffmann war sicherlich eines der Highlights der Abteilung. Aber auch der Geburtsschein, den Hoffmann für seinen Sohn Carl ausstellte, für den er später den Struwwelpeter als Weihnachtsgeschenk zeichnen und dichten sollte, war zu sehen.
 
Einen Karrieresprung bedeutete schließlich 1844 die Anstellung als Lehrer an der traditionsreichen Senckenbergischen Anatomie. Ein Seziertisch, Präparate aus der Senckenbergischen Anatomie sowie ein Modell des alten Senckenbergianums, medizinische Instrumente der Zeit und nicht zuletzt Heinrich Hasselhorsts Gemälde „Die Sektion” führten das Arbeitsumfeld des Mediziners Dr. Heinrich Hoffmann eindrücklich vor Augen.

 

KUNST – LITERATUR – KINDERBUCH, EINE „ABSONDERLICHE LIEBHABEREI”

Das Gründen von Vereinen bildete eine Liebhaberei des „geselligen Universalgenies” und „Netzwerkers” Heinrich Hoffmann, die für das 19. Jahrhundert typisch war. Im Ärzteverein (1845) schlossen sich die Frankfurter Mediziner zu wissenschaftlicher Belehrung und Förderung zusammen. Der Bürgerverein (1848) diente als Forum zur gesellschaftlichen Annäherung aller Stände. Die Tutti Frutti (1840–1845) versammelten ebenso wie die Katakomben (1849–1851) Maler, Dichter und Musiker zum gegenseitigen Vortrag ihrer künstlerischen Schöpfungen. In dieser „Kreativwerkstatt” wurde auch der Struwwelpeter erstmals öffentlich vorgetragen und seine Drucklegung angeregt. In der Dienstwohnung in der Irrenanstalt am Affenstein hielten Hoffmann und seine Frau zudem auch selbst einen Salon, zu dem sich viele einflussreiche Mitglieder der Frankfurter Gesellschaft und auswärtige Gäste einfanden.
Die Ausstellung thematisierte das kreative Umfeld Hoffmanns und warf damit einen neuen Blick auf sein eigenes künstlerisches Schaffen. Besonders der Kreis der Tutti Frutti und Katakomben sowie Hoffmanns Tätigkeit als Administrator des Städel rückten damit in das Blickfeld. Zu sehen waren etwa die illustrierten Protokollbücher der Tutti Frutti und ein bebilderter Roman, den die Vereinsmitglieder kollektiv entwickelten. Natürlich war hier auch der Ort für das Urmanuskript des Struwwelpeter von 1844 sowie zahlreiche Zeichnungen und Manuskripte von Hoffmanns weiteren Kinderbüchern.

 

POLITIK – „HORCH AUF, MEIN VOLK!”

Die politische Biografie Hoffmanns ist in mehrfacher Hinsicht typisch für einen großen Teil seiner Generation: Als Student und als junger Arzt in Frankfurt hing er der nationalen Idee an und half bei der Organisation von Nationalfeiern, wie dem ersten Deutschen Sängerfest 1838 oder der Gutenbergfeier 1840. Die prächtig bemalte Fahne, die die Weingärtner bei der Vierhundertjahrfeier der Erfindung der Buchdruckerkunst mit sich führten, ist ein attraktives Objekt der Ausstellung. Zudem waren aber auch weitere Zeugnisse der politischen Fest- und Vereinskultur des Vormärz und der 1848er Revolution zu sehen. Sie zeigten vor allem den Prozess der Vergemeinschaftung, den politische Aktivitäten dieser Zeit bedeuteten.
In der 1848er Zeit wurde Hoffmann Abgeordneter im Vorparlament, das das erste Deutsche Nationalparlament vorbereitete, zeigte sich aber enttäuscht von der Ablehnung der Kaiserkrone durch den Preußischen König. Hoffmanns Engagement in dieser Zeit schlug sich sowohl in pathetischen Liedern als auch in bissigen satirischen Schriften nieder, die in der Ausstellung gezeigt wurden. Darüber hinaus wurde sein Struwwelpeter zu einer der beliebtesten Figuren der zeitgenössischen politischen Satire, auch hierfür zeigte die Ausstellung eindrucksvolle Beispiele. In der Annexion Frankfurts durch Preußen 1866 und der Reichseinigung 1870/71 sah Hoffmann schließlich seine politischen Ziele erreicht.

 

DAS „IRRENSCHLOSS” AM AFFENSTEIN

Als Hoffmann 1851 zum Direktor der „Anstalt für Irre und Epileptische” berufen wird, geht er sofort an die Verwirklichung seiner Lebensaufgabe: In einer beeindruckenden Kampagne warb er für einen modernen Neubau der Klinik am Affenstein. Zusammen mit dem Architekten Oskar Pichler unternahm er eine ausgedehnte Studienreise durch mehrere Länder, um die neuesten Erkenntnisse in der Psychiatrie und im Krankenhausbau kennenzulernen und in Frankfurt anzuwenden - Hoffmanns und Pichlers erhaltene Reisepässe geben unmittelbare Zeugnisse dieser Reise ab.
 
Die im gotischen Stil errichtete Frankfurter Anstalt wurde 1864 eröffnet und war damals das größte Gebäude der Stadt. Der prächtig kolorierte Originalentwurf Pichlers verdeutlicht die Dimension dieses Projektes, das Hoffmann stets als sein Lebenswerk betrachtet hatte. Hoffmann steht der Anstalt bis zu seiner Pensionierung 1888 als Direktor vor. Die Ausstellung erlaubte einen Blick in das Alltagsleben der Patienten, indem sie Therapieinstrumente der Zeit zeigte und mittels Hörstationen Krankengeschichten von Hoffmanns Patienten erfahrbar machte. Zudem wurden die bei Grabungen im Jahr 2008 auf dem Gelände der Anstalt gefundenen Relikte gezeigt.
 
„Hoffmann was famous... but I didn't know who he was”, schrieb einer der Ausstellungsbesucher ins Besucherbuch. Vielen Frankfurtern und Nichtfrankfurtern ist Heinrich Hoffmann trotz ihrer kindheitlichen Struwwelpeterlektüre ein Unbekannter geblieben. Die Ausstellung im Sommer 2009 und das begleitende Katalogbuch gab und gibt ihnen ausgiebig Gelegenheit, nähere Bekanntschaft mit diesem außergewöhnlichen Frankfurter zu schließen.
 
Die Ausstellung war ein Projekt des Heinrich Hoffmann-Sommers 2009 und wurde mit freundlicher Unterstützung der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, Stiftung Flughafen FrankfurtMain, Ernst Max von Grunelius Stiftung, Aventis Foundation, Cronstetten und Hynspergische Evangelische Stiftung zu Frankfurt am Main, 1822-Stiftung, Fazit-Stiftung, Historisch-Archäologische Gesellschaft Frankfurt am Main e. V., Medienpartner Frankfurter Allgemeine Zeitung durchgeführt.

Begleitbuch

Heinrich Hoffmann – Peter Struwwel. Ein Frankfurter Leben 1809–1894. Hrsg. von Wolfgang P. Cilleßen und Jan Willem Huntebrinker, Michael Imhof Verlag 2009, 383 Seiten, über 250 Abb., Schriften des Historischen Museums, Bd. 28, 19,95 €
 

Liselotte Strelow (1908–1981) – Retrospektive

22.1.2009-13.4.2009

Ausstellungen über Fotografinnen sind fester Bestandteil im Programm des Historischen Museums. Anfang 2009 wurde die Reihe mit der Übernahme der Retrospektive Liselotte Strelow (1908–1981) vom LVR-Landesmuseum Bonn hervorragend ergänzt. Aus Anlass des 100. Geburtstages Strelows 2008 und passend zum 60. Jahrestag der Gründung der Bundesrepublik Deutschland 2009 wurde die weitgehend in Vergessenheit geratene Fotografin einem breiten Publikum vorgestellt.

Nach ihrer Ausbildung und ersten Ateliererfolgen als Fotografin im Berlin der NS-Zeit, zog Liselotte Strelow nach dem Zweiten Weltkrieg ins Rheinland. Bewusst gestaltete sie dort ihre Karriere als Berufs-
fotografin und Fotokünstlerin der jungen Bundesrepublik. Politiker, Künstler und Schauspieler aus dem In- und Ausland sowie die Elite des deutschen Wirtschaftswunders saßen ihr Modell.
Die Präsentation der 220 originalen Porträt- und Theaterfotografien aus der Zeit von 1942/43 bis 1971 wurde ergänzt durch Zeitschriften, Bücher und Filme, die besondere Aufmerksamkeit erregten. In der Filmreihe Sagt die Fotografie die Wahrheit? (WDR, 1965–1967) erklärt Liselotte Strelow selbst bis ins Detail ihre Arbeitsweise. Die Informationen der ausgewählten Sequenzen nahmen viele Besucher mit großem Interesse auf, um sich mit dem Thema der Manipulation von Fotografie, z. B. durch Retuschen, direkt am Original zu beschäftigen.
Der von Liselotte Strelow mitgeprägten Zeit der „Wirtschaftswunderjahre” wollte das Begleitprogramm atmosphärisch nachspüren. Das Deutsche Filmmuseum bot hierzu in Kooperation mit dem historischen museum eine Filmreihe an. In der spannungsreichen Lesung Nach den Tagen des Zorns kombinierten Barbara Englert und der Pianist Jacob Bussmann Werke der von Strelow porträtierten Dichterinnen und Komponisten. Die in Kooperation mit dem Frauenreferat Frankfurt konzipierte Veranstaltung am Weltfrauentag war ein voller Erfolg. Sie offenbarte eindringlich – wie die Fotografien der von Strelow Porträtierten – Kontinuitäten und Widersprüche der bundesdeutschen Nachkriegszeit.

Eine Ausstellung in Kooperation mit dem LVR-LandesMuseum Bonn und der Gesellschaft Photo Archiv e.V. Bonn

Die 68er – Kurzer Sommer, lange Wirkung

1.5.2008-31.8.2008

Mit der Ausstellung revitalisierte das Historische Museum eine Tradition, die bis in die frühen 80er Jahre des 20. Jahrhunderts zum Markenzeichen des Hauses gehört hatte: die große zeitgeschichtliche Museums-ausstellung. Jüngere Besucher entdeckten durchaus erstaunt, dass auch das historische museum Thema war und der Konzeptionswandel in den frühen 70er Jahren zur Wirkung des „kurzen Sommers” gehörte. Zum Neuen gehörten die zeitgeschichtliche Ausstellung und das Ziel, auch die Dauerausstellung in der Gegenwart enden zu lassen.

Die in den Monaten der Laufzeit der 68er oft gestellte Frage: „Gehören die 68er ins Museum?” wird mit „Nein” beantwortet, wenn Musealisierung mit „Relevanzverlust” gleichgesetzt ist. Das klare „Ja” als Antwort schließt ein nicht weniger klares „Ja” zum historischen museum als Vermittler von Vergangenheit und Gegenwart ein. „Ins Museum” bedeutet nicht Endstation. „Ins Museum” ist Bedingung für den Diskurs über die 40 Jahre zwischen dem bewegten und bewegenden Jahr und heute im Medium einer Ausstellung.
 
Die Besucherbücher der Ausstellung bieten auf 380 Seiten Einträge mit Bewertungen der Ausstellung. Weit über 90 % sind positiv. Häufig lässt sich das Alter, die Zugehörigkeit zur Generation der 68er oder zur Generation der Nachgeborenen erschließen. Auch die Selbsteinschätzung als „68er” (oder nicht) ist immer wieder nachzulesen. Die positive Bewertung der Ausstellung korreliert nicht mit Alter und Selbsteinschätzung. Diese Beobachtung ist in Bezug auf die Konzeption der Ausstellung interessant. Von „nachgeborenen” KuratorInnen erarbeitet, schloss sie die Beschwörung eines Mythos „68” oder eine Konzeption aus der Sicht der Avantgarde ebenso aus, wie den Versuch einer Definition oder punktgenauen Interpretationen der Wirkung. Da die Besucherkritik an fehlender Mythologisierung oder Heroisierung vereinzelt bleibt, kann das Lob des genannten Prozentsatzes der schreibenden Besucher auf die Ausstellungskonzeption bezogen werden.

„Sehr gute Ausstellung auch für nicht 68er” schreibt ein Besucher, der die Zeit miterlebte. „...was meine Eltern bewegt hat und wie sich das heute noch auswirkt.”, schreibt ein Schüler. Nach eigener Auskunft waren Besucher bis zu sieben Stunden in der Ausstellung und wollten noch einmal kommen oder besuchten die Ausstellung zum dritten Mal. Ein Eintrag wünscht „mehrere 100.000 Besucher”, ein anderer Besucher schreibt: „Diese Präsentation muss in die ganze Welt”. Ein Besucher aus den USA, der sich als George vorstellt, teilt mit: „Very informative and eye-opening. I only had one day here at your fascinating Ausstellung. Vielen Dank”. Ausländische Besucher kamen aus den USA, England, Japan, Taiwan, Spanien, Italien und der Schweiz. Durchweg positiv wurde die Multimedialität der Ausstellung bewertet. Die virtuelle Diskussion, die in die Ausstellung einführte, fand auch emphatische Zustimmung. Nicht unbedingt nostalgisch sind wiederkehrende Einträge junger Besucher zu werten, die „die bewegte Zeit” mit heute vergleichen. Wiederkehrende Zuschreibungen sind „spannend” und „erkenntnisfördernd”.
Da in der Öffentlichkeit die Bedeutung von „68” kontrovers diskutiert wird, fällt schließlich auf, dass die Einträge, die direkt zu „68” Stellung nehmen, zahlenmäßig deutlich geringer sind als die Ausstellungs-kommentare. Die Ausstellung ist ein Medium mit eigenen Gesetzen. Im Museumsdiskurs ist umstritten, ob jedes Thema ausstellbar ist. Andererseits ist sicher, dass mit der Medienwahl „Ausstellung” das Thema einen besonderen Zuschnitt erfährt. Eine Ausstellung bietet einen Diskurs mit Bildern und Dingen. Wenn Sie „erkenntnisfördernd” ist, hat sie ein Ziel erreicht. „Spannend” darf sie auch sein und wie eine Besucherin kommentiert: „Lebensnah”.
 
Die Ausstellung „Die 68er. Kurzer Sommer – lange Wirkung” ist beim Publikum angekommen.
 

Frankfurt und der Nordpol. Entdecker und Forscher im ewigen Eis: 1861–1931

22.12.2007-9.3.2008

Mit der Frankfurtischen Nordfahrt des Georg Berna von 1861 begann die wissenschaftliche Erschließung von Jan Mayen. In Frankfurt stand 1865 die Wiege der Deutschen Polarforschung. Hier trug Alfred Wegener 1912 erstmals die Theorie der Kontinentalverschiebung vor. In den 70 Jahren zwischen 1861 und 1931 gab es mehr als zehn Expeditionen nach Jan Mayen, Grönland, Kaiser Franz Josefs Land und Spitzbergen mit maßgeblicher Beteiligung von Forschern, die in Frankfurt und Hessen zu Hause waren.


Eine Ausstellungen zum vierten Internationalen Polarjahr vom 1.3.2007 bis zum 1.3.2009.
Die Tradition der Polarjahre wurde 1882/1883 von Carl Weyprecht begründet und zum zweiten Mal 1932/1933 von Johannes Georgi fortgesetzt. Das dritte Polarjahr 1957/1958 war gleichzeitig das Internationale Geophysikalische Jahr, als es erstmals der Sowjetunion gelang, in den Weltraum vorzustoßen. Die Beschäftigung mit dem frankfurtischen Aspekt der Erforschung der Arktis geht auf ein Buchmanuskript des Frankfurter Polarfahrers Theodor Lerner (1866–1931) zurück.
Die Ausstellung erfolgte in enger Kooperation mit dem Naturkundemuseum Senckenberg, dem Alfred Wegener Institut in Bremerhaven und der Deutschen Gesellschaft für Polarforschung. Zu sehen waren Globen, Karten und nautische Instrumente, Ausrüstungsgegenstände der Polarfahrer, Fauna und Mineralien der Arktis, Briefe, Dokumente und Expeditionswerke, Ölgemälde und Bilder des Nordens und der Nordfahrer, Kurzfilme über einige Unternehmungen, Geräusche von Tieren und Eis.
 
BEGLEITKATALOG
Frankfurt und der Nordpol. Forscher und Entdecker im ewigen Eis.
Von Frank Berger (Hg.). Frankfurt 2007, Schriften des Historischen Museums, Bd. 26. 26,50 €

Blickwechsel. Frankfurter Frauenzimmer um 1800

23.8.2007-25.11.2007

Innovativ, unternehmerisch, kreativ und streitbar – Frankfurterinnen um 1800 waren bemerkenswert aktiv und ambitioniert. An sie zu erinnern und sie im kollektiven Gedächtnis der Stadtgesellschaft zu verankern, war Anlass dieser Ausstellung.

 Die Ausstellung thematisierte eine Epoche, die wie kaum eine andere so variantenreich weibliche Lebenswelten vor Augen führt. Deshalb wird sie auch das „Jahrhundert der Frauen” genannt.
Wenig andere deutsche Städte könnten wohl auf Anhieb mit so vielen bekannten Frauen des 18. Jahrhunderts aufwarten wie Frankfurt. Doch werden auch Frauen vorgestellt, die bisher eher selten ans Licht gerückt wurden. Sie alle waren in ihren jeweiligen Arbeits- und Lebenszusammenhängen bemerkenswert aktiv und ambitioniert.
Der Wechsel des Blicks von der männlichen zur weiblichen Hälfte des Frankfurter Bürgertums führt zur überzeugenden Einsicht, dass eine Stadt auch vor dem Anbruch der Moderne nicht ohne Frauen „funktionierte”.
 
Künstlerinnen und Schriftstellerinnen, Sammlerinnen und Stifterinnen, Meisterinnen und Handelsfrauen arbeiteten im Familienverband und behaupteten ihre wirtschaftliche Existenz gegenüber männlicher Konkurrenz. Frankfurterinnen trugen soziale Verantwortung und engagierten sich in der städtischen Öffentlichkeit. Über ihre Lebensbedingungen zu berichten, ihren Spuren nachzugehen und ihre Verdienste wieder in das kulturelle Gedächtnis dieser Stadt aufzunehmen, das waren die Beweggründe für diese Ausstellung.
Auch die Frage nach dem Sichtbaren bzw. Unsichtbaren in der sozialen, ökonomischen und kulturellen Praxis von Händlerinnen, Handwerkerinnen oder Dienstmägden erkundete die Präsentation und eröffnete damit überraschende Perspektiven und Erkenntnisse über bisher verborgene Handlungsspielräume.
 
Ausstellung, Begleitband, Medienstationen und ein umfangreiches Begleitprogramm wurden unterstützt vom Frauenreferat der Stadt Frankfurt, der Cronstett- und Hynspergischen Evangelischen Stiftung, der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, der Ernst Max von Grunelius-Stiftung, der Historisch-Archäologischen Gesellschaft.


Zur Ausstellung wurde eine Webseite angelegt, die bis heute von der Wissenschaftlerin Uschi Kern erweitert wird. Sie ist die Kuratorin der Ausstellung und hat ihre intensive Forschungstätigkeit nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst im Historischen Museum Frankfurt fortgesetzt. Zur Webseite gelangen Sie mit einem Kick hier auf www.frankfurterfrauenzimmer.de