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Geerbt. Gekauft. Geraubt? Alltagsdinge und ihre NS-Vergangenheit

17. Mai bis 14. Oktober 2018 in Frankfurt Jetzt!
Eine Stadtlabor-Ausstellung im Zusammenhang mit der Wanderausstellung "Legalisierter Raub"

Von Mai bis Oktober 2018 beschäftigte sich das Stadtlabor mit „schwierigen Dingen“, d.h. mit Gegenständen aus ehemals jüdischem Besitz, die im Nationalsozialismus ihren Besitzer gewechselt haben. Dieses Stadtlabor stand im Zusammenhang mit der Wanderausstellung „Legalisierter Raub. Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen 1933-1945“, erarbeitet vom Fritz Bauer Institut und vom Hessischen Rundfunk. Die Ausstellung tourte seit 16 Jahren durch Hessen und fand nun ihren Abschluss im Historischen Museum, wo eine Auswahl der mehr als 150 Fälle gezeigt wird, die seit 2002 an den verschiedenen Ausstellungsorten recherchiert worden sind.

Spuren des 'legalisierten Raubs' im Museum

Die Abschlusspräsentation der Wanderausstellung nahm das Historische Museum zum Anlass, die heute noch sichtbaren Spuren des ‚legalisierten Raubs“ zu zeigen: in der Museumssammlung wie in Privatbesitz. Daher wurde ergänzend die Ausstellung „Geerbt. Gekauft. Geraubt?“ entwickelt. In einem Teil der Ausstellung wurde gezeigt, wie das Museum vom ‚legalisierten Raub‘ an den Juden profitierte, welche Rolle die Provenienzforschung im Museum spielt und mit welchen Fragen und Schwierigkeiten sie konfrontiert ist. In einem zweiten Teil wurden die Auswirkungen des ‚legalisierten Raubs‘ auf sechs Familien gezeigt, deren Geschichten in der Bibliothek der Generationen erzählt werden.

Stadtlabor "Schwierige Dinge"

Im Stadtlabor ging es um Gegenstände aus Privatbesitz, die im Nationalsozialismus ihren Besitzer wechselten, z.B. auf öffentlichen Auktionen, bei denen das Hab und Gut der deportierten Juden versteigert wurde. Auch wer als „fliegergeschädigt“ galt und mit Kleidung und Möbeln neu ausgestattet wurde, bekam vielfach Gegenstände, die vorher Juden gehört hatten. Auf diese Weise wechselten zahllose Gegenstände den Besitzer, vom ‚legalisierten Raub‘ profitierten viele – Museen wie Privatleute. Weitere "schwierige Dinge", die im Stadtlabor gezeigt wurden, waren "Mitbringsel" von Wehrmachtssoldaten, die sie aus den „besetzten Gebieten“ mit nach Hause brachten, z.B. eine Ikone, ein Silberbecher, Wäsche oder Schmuck. Unter welchen Umständen haben diese Dinge den Besitzer gewechselt?

Die Enteignung, Verfolgung und Ermordung der Juden im Nationalsozialismus zeigt heute noch Spuren in unserer „Dingwelt“. Am Anfang des Stadtlabors "schwierige Dinge" standen die Fragen: Wo sind all die unter Zwang verkauften, beschlagnahmten, verkauften und geraubten Dinge heute? Sind sie noch unter uns? Für das Stadtlabor 2018 suchten wir Alltagsgegenstände von Frankfurter/innen, die aus ehemals jüdischem Besitz oder aus den "besetzten Gebieten" stammen. In vielen Familien existieren solche „schwierigen Dinge“. Ihre Geschichte ist nur fragmentarisch überliefert, es kursieren Andeutungen und Gerüchte, die Gegenstände umgibt ein Geheimnis, wie werfen Fragen auf. Warum klebt auf Omas Klavier eine Versteigerungsmarke? Wieso vererben die „ausgebombten“ Großeltern antike Möbelstücke, Tischwäsche oder Silberbesteck? Am Stadtlabor waren insgesamt neun Personen beteiligt, die ihre "schwierigen Dinge" präsentierten und ihre Fragen und Zweifel an der Herkunft der Dinge öffentlich stellten. Im Rahmen des Stadtlabor wurden diesen Fragen nachgegangen. In gewohnt partizipativer Weise haben wir versucht, Licht ins Dunkel der Geschichte der Objekte und ihrer Vorbesitzer zu bringen.

In Zusammenarbeit mit dem Fritz Bauer Institut wurde eine Workshopreihe entwickelt, die u.a. eine Einführungen in die Methoden der Archivrecherche beinhaltet. Besitzer/innen von „schwierigen Dingen“ wurden bei ihren Nachforschungen zu Alltagsgegenständen oder Familiengeschichten von der Historikerin Ann-Kathrin Rahlwes und dem Archivar des Fritz Bauer Instituts Johannes Beermann unterstützt. In vertraulicher Atmosphäre konnten die Ergebnisse der Archivrecherchen diskutiert werden. Das Stadtlabor "Schwierige Dinge" hatte insgesamt neun Teilnehmer/innen. Für viele Teilnehmer/innen war die Auseinandersetzung mit den "schwierigen Dingen" ein Anlass, sich der eigenen Familiengeschichte zu stellen und ein Gespräch über die Verwicklung der eigenen Vorfahren in den NS bzw. den Umgang damit in der Nachkriegszeit zu beginnen. Und auch wenn die Geschichte der jeweiligen Gegenstände nicht immer aufzuklären war, ist doch die Suche selbst zum Thema der Ausstellung geworden – als eine Form, sich den Belastungen der Nachgeschichte des Nationalsozialismus zu stellen.